Ostermarsch 1960 - Foto: Konrad Tempel (Wikipedia)
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Historischer Rückblick: Unser Marsch ist eine gute Sache

von Wolfgang Gehrcke (Komplettfassung der stark gekürzten Version für die Zeitung gegen den Krieg Nr. 61 – Frühjahr 2026 
Titelfoto: Ostermarsch 1960 – Quelle: Konrad Tempel (Wikipedia)

Ich blicke zurück auf 65 Jahre Ostermarsch und bitte alle, (auch) in diesem Jahr am Ostermarsch teilzunehmen. Krieg klopft schon an die Tür.

1961 brachte das Hamburger Lehrerehepaar Helga Stolle und Konrad Tempel, sie waren gläubige Quäker, die Ostermärsche von Großbritannien nach Deutschland. Dort war es schon seit mehreren Jahren üblich, Ostern von London zum Atomwaffenforschungszentrum Aldermaston zu demonstrieren. An diese Tradition anknüpfend, sollte der Weg nun von Hamburg nach Bergen-Hohne führen, dort sollten damals britische Atomraketen stationiert werden. Die Initiatoren wünschten sich einen Marsch frei von Kommunisten, Losungen, Transparenten, Sprechchören. Einzig zugelassen war ein großes Holzkreuz, das vorweg getragen wurde.

Dieser erste Oster-Schweigemarsch dauerte drei Tage mit Übernachtung in Tanzsälen und Scheunen. Er brachte Friedensbewegung und antifaschistische Aktivisten zusammen, lag doch das Konzentrationslager Bergen-Belsen ganz nah zum Zielort.

Flugblatt zum ersten Ostermarsch (Vorder- und Rückseite) – Quelle: Konrad Tempel (Wikipedia) – volle Größe durch Anklicken

Für mich begann das Kapitel „Ostermarsch“ allerdings mit einem Haken: Ich hatte keine Schuhe. Mein Vater, aktiver Sozialdemokrat, hatte sie beschlagnahmt, damit ich nicht abhauen konnte. Auch meine eindringlichen Mahnungen, sich an die sozialdemokratische Tradition der Friedensbewegung und an die jüngste mit Gewerkschaften und Kirchen initiierte Massenbewegung „Kampf den Atomtod“ zu erinnern, halfen nicht. Denn damit war seit dem Godesberg Programm von 1959 Schluss, jetzt hieß es SPD-offiziell Ja zu NATO, Wiederbewaffnung und Kriegsdienst. Ich musste mich also barfuß zum Ostermarsch davonstehlen.

Das hat sich aber gelohnt. So konnte ich dabei sein, als diese bis heute lebendige Tradition aus der Taufe gehoben wurde. Wie für viele andere, wurden sie auch für mich zu einer Universität der Friedenspolitik: Wir lernten voneinander zu argumentieren und zu streiten, unsere Unterschiede in Lebensweise, Auffassungen, Haltungen zu respektieren – weil es ein Interesse gab, das viel stärker war als unsere Unterschiede: Den Frieden zu retten.

Diese Idee zündete schon damals, seine Glut ist nicht erloschen. Beim zweiten Ostermarsch demonstrierten schon viel mehr Menschen in weiteren Teilen der Bundesrepublik. Sein Erscheinungsbild wurde rasch jung und bunt. Überall wurden Spruchbänder gegen die Bundeswehr und gegen die damals drohende atomare Bewaffnung getragen. Aus der Bewegung heraus entstanden Lieder, einige wurden Hymnen der Friedensbewegung.

Bis heute unvergessen der Bremer Hannes Stütz mit seinem Lied von 1964 (!): „Unser Marsch ist eine gute Sache“ mit der umwerfenden Logik: „weil er für eine gute Sache ist…“ und dem Refrain: Marschieren wir gegen den Osten? Nein! Marschieren wir gegen den Westen? Nein! Wir marschieren für die Welt, die von Waffen nichts mehr hält. Denn das ist für uns am besten.“ Zu jener Zeit wurden Pläne bekannt, einen Minengürtel längs der Grenze zur DDR zu legen, und Fasia Jansen rief: „Feuer, Vorsicht, man legt Feuer, ein Atomminengürtel wird geplant.
Geht auf die Straße und schreit Feuer! Feuer, unsere Erde wird verbrannt.“ Etwas später nahm sich Franz-Josef Degenhardt in „die Befragung eines Kriegsdienstverweigerers durch den liberalen und zuvorkommenden Kammervorsitzenden“ die „Gewissensprüfung“ vor, von der ein Erfolg der Kriegsdienstverweigerung abhing: „Also sie berufen sich hier pausenlos aufs Grundgesetz sagen sie mal, sind sie eigentlich Kommunist.“ Zur Erinnerung: Die KPD war 1956 vom Bundesverfassungsgericht verboten worden, ein Urteil, das bis heute nicht aufgehoben ist. Die heutige DKP hat sich erst 1968 gegründet. Ich selbst 1961 Mitglied der illegalen KPD geworden.

Ostermarsch 1964 in Frankfurt (Archiv Friedens- und Zukunftswerkstatt)


Ostermarsch 1962 in Frankfurt

Dieter Süverkrüp, Hein und Os, Hannes Wader, Dietrich Kittner, Konstantin Wecker… es waren so viele Künstlerinnen, Künstler, die mit ihrer Gitarre, Mundharmonika, Banjo, Akkordeon, dem Besenbass aus Teekiste, einem Stab und einem Plastikseil, später Bands in kompletter Besetzung, den Ostermärschen inneren Zusammenhalt und Massenwirksamkeit gaben. Dank dieser, ihrer eigenen Kultur wurde die Friedensbewegung in den 80’er Jahren für eine kurze Dauer hegemonial.

Die Ostermärsche waren das Rückgrat auch anderer Formen zivilen Ungehorsams und gewaltfreien Widerstand. Vor allem die Blockade des US-Airfields in Mutlangen 1983 als möglichem Stationierungsort der Pershing II wurde bekannt dank prominenter Teilnehmer, darunter Heinrich Böll und seine Frau Annemarie, Günter Grass, Oskar Lafontaine, Petra Kelly und Gerd Bastian, von Theologen, Schauspielern, Liedermachern, Autoren.

Eher unbemerkt hingegen blieb meine Teilnahme an der Blockade der Lucius D. Clay Kaserne im niedersächsischen Garlstedt. Das genaue Jahr weiß ich nicht mehr, es wird zu Beginn der 80’er Jahre gewesen sein und wieder so ein komplett verregnetes, kalt-nasses Ostern. Die Gruppe der Blockierer war überschaubar, der Platz vor der Kaserne (und uns) leer, Stunde um Stunde näherte sich unsere Stimmung den äußeren Umständen. Als die Bereitschaftspolizei irgendwann kam, war noch nicht mal mehr ein Fotograf da. Sie schleppten uns in ihre VW-Busse und fuhren, fuhren und fuhren. Mitten auf dem Truppenübungsplatz Garlstedter Heide setzten sie uns irgendwo im Nirgendwo ab. Wir brauchten Stunden, um wieder unter Leute zu kommen. Am nächsten Tag hatte es aufgeklart, der Ostermarsch näherte sich dem Truppenübungsplatz, die Polizei war gewaltbereit und schickte ihre Reiterstaffel, um die ersten Reihen des Ostermarsches aufzumischen. Ich griff dem Pferd eines Reiters, der durch besonders Prügelfreude aufgefallen war, in die Trense. Das Tier stieg hoch, der Reiter schlug wütend auf mich ein und zischte voll Hass: „Auf dem Gut meines Vaters wärest du noch nicht einmal Knecht.“ Ich sah von dem zweiten Versuch ab, ihn vom hohen Ross zu holen, sie hatten die Hundestaffel losgelassen und vor denen musste man wirklich Respekt haben.

Ob durch gemeinsame Märsche oder zivilen Ungehorsam: Mit den Ostermärschen haben viele Tausend Menschen Untertanengeist abgeschüttelt, sie lehnen sich gegen den Obrigkeitsstaat auf. Auf diesem Boden wurde der Widerstand gegen die Notstandsgesetze eine Massenbewegung und es konnte die 68’er Bewegung entstehen. In Hamburg ging der Ostermarsch 1968 – das Attentat auf Rudi Dutschke hatte Gründonnerstag, den 11. April, stattgefunden – direkt von seinem Abschluss auf dem Heiligengeistfeld zum Springer-Verlagshaus, das Ostermarschierer, Studenten, Hafenarbeiter, Drucker und Setzer, Bürger, jung und alt, gemeinsam blockierte. Wir konnten die Auslieferung einer Ausgabe der BILD verhindern. Mit anderen wurde ich dort als „Rädelsführer“ verhaftet, kam ein paar Tage in U-Haft, wurde im anschließenden Prozess verurteilt und später im Rahmen der Willy Brandt-Amnestie für Demonstrationsdelikte amnestiert.

An zwei Ostermärschen habe ich nicht teilgenommen, ich musste mich entschuldigen: 1969 fuhr ich als stellvertretender SDAJ-Vorsitzender zusammen mit dem Sprecher der bundesdeutschen Vietnam-Solidarität, Frank Werkmeister, und je einem stellvertretenden Vorsitzenden der Jusos und der Jungdemokraten nach Vietnam in das Kriegsgebiet. Die anschließende Einladung der Nodvietnamesen, mit ihnen den Ho-Chi-Minh-Pfad in Richtung Süden zu gehen, habe ich mit großem Interesse angenommen. Für eine Pressekonferenz in Bonn brachte ich eine umfangreiche Sammlung von Splitterbomben und anderem Kriegsmaterial zur Anschauung mit. Einige Jahre später war ich von den „Sowjets“ zu einem Jahresstudium am Institut für Gesellschaftswissenschaften in Moskau eigeladen worden. Mit Vertretern aus 42 verschiedenen Ländern der Welt ein Jahr lang zu studieren – das war und ist für mich ein würdiger Ersatz für den Ostermarsch.

Ich bitte Euch alle, sagt NEIN zur Kriegstüchtigkeit, wie Wolfang Borchert in seinem großartigen, hochaktuellen Friedensgedicht von uns erbittet.