Muss der Kapitalismus weg?

von Roberto De Lapuente |Auszug aus Overton-Magazin vom 16.7.26 mit dem o.g. Titel|

Der Beitrag erschien zuvor bei Manova unter dem Titel: Der Lieblingsfeind der Linken
Ständig den Kapitalismus als Wurzel allen irdischen Übels einzuordnen, ist keine Analyse, sondern kultivierte Vernebelung der Realität.

– mit einer Replik von Ulrich Gausmann (8.7.26): Vier Verschwindungen
Den Kapitalismus für alles verantwortlich zu machen, ist keine Analyse; ihn für nichts verantwortlich zu machen aber ebensowenig.

Auszug (Schlussteil):

Antikapitalismus-Folklore für den vorschnellen Gebrauch

Wer den Kapitalismus zur Voraussetzung des Krieges erklärt, müsste bitte auch erklären können, weshalb die Menschheitsgeschichte vor dem 18. Jahrhundert kaum weniger blutig verlief. Antike Imperien führten Eroberungskriege, mittelalterliche Fürsten stritten um Territorien, Religionen lieferten jahrhundertelang Rechtfertigungen für Massaker. Die Kreuzritter dienten keinem Aktienmarkt, der Dreißigjährige Krieg keinen Hedgefonds – und Dschingis Khan war kein CEO eines aggressiven asiatischen Konzerns mit multinationalen Ambitionen. Menschen fanden schon immer Gründe, einander umzubringen. Mal religiös motiviert, mal dynastisch begründet, später auch im Namen von Nationen oder Ideologien. Der Kapitalismus hat diese Motive weder erfunden noch ersetzt. Das entlastet ihn selbstverständlich nicht von seinen eigenen Verwerfungen. Rüstungsunternehmen verdienen an Kriegen, Staaten verfolgen oft die Interessen reicher Kapitalkonzerne und Ressourcen spielen regelmäßig eine Rolle. Die Situation heute aber lapidar mit der Ursächlichkeit durch den Kapitalismus erklären zu wollen, kann einem ausgewogenen Intellekt nun wirklich nicht zugemutet werden.

Diese Form der allzu tumben Kapitalismusdebatte erfüllt weniger eine erkenntnistheoretische als eine psychologische Funktion. Wer schnell den Kapitalismus auf eine solche Weise ins Spiel bringt, hat einen Schuldigen gefunden, bevor die eigentliche Betrachtung beginnt. Die Welt wird angenehm übersichtlich, eine Weltverschwörung lindert die verwirrende Komplexität globaler Realitäten ab und erlaubt Übersichtlichkeit. Außenpolitik, Kultur, Demographie, Psychologie, Religion oder technische Entwicklungen müssen dann gar nicht mehr ernsthaft als Sujet betrachtet werden. Sie werden stattdessen als lästige Symptome behandelt. Das macht den Kapitalismusbegriff zu einer modernen Chiffre. Er soll alles erklären, hat aber letztlich nicht das Zeug zur überzeugenden Darlegung, weil er beliebig und gleichzeitig generalisierend angewandt wird. Die vermeintliche Diagnose nährt sich aus einem gut einstudierten Glaubenssatz, dem es zudem massiv an Trennschärfe mangelt.

Dennoch bleibt die Kritik am Kapitalismus zweifelsohne notwendig. Jede Wirtschaftsordnung produziert Machtkonzentrationen, Ungleichheiten, Ungerechtigkeiten und Interessen, die kontrolliert und zumindest eingehegt werden müssen. Da ist der Kapitalismus nicht weniger anfällig als der Feudalismus und der Merkantilismus – und übrigens auch als der Sozialismus. Der Kapitalismus ist weder Teufel noch Erlöser. Er ist eine historische Wirtschaftsordnung mit Stärken, Schwächen und Widersprüchen – und sicherlich auch mit Perversionen, aus denen sich mehr denn je Menschen an den Profiten der Realwirtschaft mästen, ohne einen konkreten Nutzen für die Gesellschaft zu haben. Gleichwohl ist das Phänomen komplexer. Der eigentliche Fehler liegt nicht in der Kapitalismuskritik an sich, sondern in der Sehnsucht nach der Monokausalität. Eine Theorie, die jede Antwort bereits kennt, bevor die Frage gestellt wurde, ist keine Analyse mehr. Der Kapitalismus mag vieles erklären. Wer jedoch glaubt, er erkläre alles, der hat schon längst damit aufgehört, die Welt verstehen zu wollen.