Die gekaufte Linke – wie eine Bewegung lernte, ungefährlich zu sein
Sie nennt es Fortschritt – doch es war und ist Kapitulation. Während die Linke Identität und Sprache priorisierte, verschwand die Frage nach Besitz, Löhnen und Macht.
von Julian Kairos – Quelle: Overton-Magazin
Auszüge:
Es gibt eine Geschichte, die die westliche Linke über sich selbst erzählt. Sie lautet: Wir haben uns weiterentwickelt. Wir haben verstanden, dass Unterdrückung viele Gesichter hat – nicht nur Klasse, sondern Geschlecht, Hautfarbe, sexuelle Identität. Wir sind komplexer geworden, sensibler, gerechter. Das ist Fortschritt.
Diese Geschichte des angeblichen Fortschritts ist leider falsch. Nicht in jedem Detail, aber in ihrer Grundstruktur. Was als moderne Erweiterung erzählt wird, war in Wirklichkeit ein fataler Tausch: Die Linke hat die einzige Frage aufgegeben, die „Macht“ etwas kosten könnte – wem gehört was, und warum – und sich auf Fragen konzentriert, die „Macht“ nichts kosten. Das war kein Versehen. Es war ein Systemergebnis, das niemand planen musste, weil die Anreize es von selbst produzierten. […]
Der Strukturbruch und seine Deutung
Um zu verstehen, was passiert ist, muss man in die 1970er Jahre zurückgehen. Die Deindustrialisierung zerstört die materielle Basis klassischer Arbeiterpolitik. Gewerkschaften verlieren Mitglieder und politischen Einfluss. Thatcher und Reagan sind nicht Symptome dieses Wandels, sondern seine Architekten – die Zerschlagung der Bergarbeitergewerkschaft 1984 in Großbritannien, die Entlassung der Fluglotsen in den USA 1981 waren bewusste Klasseninterventionen, Signale, dass der Nachkriegskompromiss aufgekündigt war.
Die Linke verlor ihre materielle Basis nicht einfach. Sie wurde enteignet. Die entscheidende Frage ist, wie sie darauf reagierte. Eine mögliche Reaktion wäre gewesen: neue Organisationsformen entwickeln, die veränderte Klassenstruktur analysieren, die wachsende Dienstleistungsklasse gewerkschaftlich erschließen. Das geschah punktuell. Aber die dominante Reaktion war eine andere: Der Begriff der Klasse selbst geriet unter Verdacht. […]
Das Paradox am Ende
Heute werden Elemente klassischer Klassenpolitik – Industrieschutz, Lohnpolitik, Skepsis gegenüber der Globalisierung – gerade von jenen Kräften artikuliert, die das progressive Milieu am meisten verachtet. Und das progressive Milieu reagiert reflexhaft mit Delegitimierung. Was dabei verteidigt wird, sind nicht die Interessen der Arbeitenden. Es ist die eigene Diskurshoheit.
Die Linke wurde nicht besiegt. Sie wurde umfunktioniert. Sie betreibt heute moralische Politik, die nichts kostet, und hält das für Fortschritt. Darum wirkt sie kaltgestellt und irrelevant in der Verteilungsfrage – und darum ist dieser Zustand für jene optimal, die von Verteilung am meisten profitieren.
Klassenpolitik bedroht Macht. Identitätspolitik verwaltet Moral. Und Moral lässt sich kaufen.
