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Eindrücke von einer Reise nach Moskau – für den Frieden

von Kathrin Otte und Reiner Braun (aus: FriedenJournal Nr. 4-2026)

Ende April flogen wir, Kathrin Otte und Reiner Braun, leider nur zu zweit – Heinz Bierbaum (ehemaliger Leiter der Rosa-Luxemburg-Stiftung – RLS) musste kurzfristig aus Gesundheitsgründen zurücktreten – überraschend unkompliziert über Baku für 9 Tage nach Moskau. Im Rahmen unseres Verständnisses von „Volksdiplomatie“ besuchten wir zwei politische Institute, trafen zwei bekannte Journalisten, einen russischen und einen deutschen, eine Hochschullehrerin der Lomonossow-Universität und ehemalige Diplomaten der Sowjetunion/Russlands in Deutschland. Reiner Braun nahm auf Einladung am „Petersburger Dialog“ teil.

Eindrücke aus dem Stadtbild

Zunächst zu bemerken ist, wie eindrücklich das Stadtbild gewirkt hat. Eine intakte, gewachsene europäische Architektur wunderbar restaurierter Wohnhäuser, Villen, Universitäten, historischer Stätten, die eine von allen Kriegen unbeeindruckte Miene machte – auch vom derzeit Laufenden. Die große Twerskaya-Straße mit ihren vielen roten Steinmauern mahnt dauerhaft an die ursprüngliche Verwendung der Steine, die die Nazi-Regierung vorauseilend bis kurz vor Moskau geschafft hatte, um dort ein enormes Siegesmonument zu bauen.

Tatsächlich machten Wehrmachts-Kriegsgefangene aus ihnen schöne Fronten an guten Wohnhäusern. Heutzutage durchquert eine schier endlose Karawane an SUVs die Twerskaya und die Innenstadt. Trotz der anhaltenden Beliebtheit von BMW/Mercedes & Co. bei der sehr präsenten Mittelschicht stammen diese allerdings zunehmend aus China.

Die Menschen füllen in den entsprechenden Vierteln die inzwischen auch in Moskau modernen Straßencafés. Besonders beeindruckt immer wieder die größte und wunderbar funktionierende Metro der Welt.

Dies ist aber nur der erste, oberflächliche Eindruck. Versucht man, sich mit dem örtlichen Pendant von Google Maps, Yandex, im Stadtbild zu orientieren, ist man wegen der häufigen Internetausfälle oft aufgeschmissen. Fluchenden Taxifahrern oder Moskauer Autofahrern geht es genauso, denn die teils massiven ukrainischen Drohnenangriffe fordern häufige Unterbrechungen, nicht nur wegen der Drohnenangriffe. Diese dürften sich auch auf das Arbeitsleben auswirken, deutlich aber auch auf die Abläufe an den vier Flughäfen.

Wirkungen der Kriegsökonomie

Offiziell liegt die Inflation „nur“ zwischen 5 % und 7 %, allerdings wird bei Gesprächen mit russischen Freunden und Kolleginnen immer wieder angemerkt mit Hinweis auf Einkäufe im Supermarkt: die reale Inflation bei den Grundnahrungsmitteln und vielen Lebensmitteln ist mindestens doppelt so hoch.

Russland in der Wirtschaftskrise – das ist zu spezifizieren und aus ihr ist zu lernen, dass Staatsinvestitionen in den Rüstungssektor bereits mittelfristig die gesamte Industrie- und Wirtschaftsentwicklung deutlich schwächen.

Zunächst einmal ist dieses Land mit seiner Kriegsökonomie mitsamt seinem Kriegskeynesianismus zwar stark in seiner Militärproduktion, was aber bis heute außer einem gewinnbringenden fossilen und einem florierenden Agrar-Sektor die Entwicklung einer komplexen modernen Industrieproduktion nicht zulässt.

Derartige Importabhängigkeiten haben sich durch die Sanktionen dadurch nicht durchschlagend negativ ausgewirkt (wohl aber bei zivilen High-Tech Produkten), z.B. durch diese umgehenden Konsumgüterimporte über die VAE, Kasachstan und andere Staaten Abhilfe organisiert wurde.

Die Wirtschaftskrise in Russland wird aber auch durch einen eklatanten Fachkräftemangel angeheizt, der durch die Bindung 100.000er junger Männer in Waffenproduktion und Frontkampf besorgniserregende Ausmaße einer sinkenden Produktivität angenommen hat und durch ausländische Arbeitskräfte u.a. aus Indien, Pakistan und Bangladesch ausgeglichen wird – mit sozialen Problemen.

Internationale Beziehungen: Kontinuität und Wandel

Entscheidend für die relative Wirkungslosigkeit der westlichen Sanktionen aber ist die Umorientierung der Russischen Föderation – eine russische Variante des „Pivot to Asia“ nach Beginn des Ukrainekrieges auf euroasiatische Wirtschaftsbeziehungen, der Shanghai Cooperation Organisation, SCO, im Rahmen von BRICS+, insbesondere aber in Bezug auf die strategische Partnerschaft mit China, die auf gemeinsamen Interessen basiert.

Während 2019 nur 18,9 % des Handels mit China in nationalen Währungen abgewickelt wurde, waren es 2024 bereits 92%. Der Yuan selbst wird für den Handel mit Drittländern wie Malawi, Mongolei, VAE, Singapur Tadschikistan, Thailand, Philippinen und Japan eingesetzt – insofern liegt ein Fortschreiten der Entdollarisierung im Interesse sehr vieler Länder des Globalen Südens und nicht nur Russlands. Somit ist aber auch klar: wer Russland als „isoliert“ bezeichnet, versteht dessen historische und andauernde positive Rolle gegenüber dem Globalen Süden überhaupt nicht. 150 Präsidenten bzw. Außenminister besuchten Russlands 2025.

Deutschlandbild im Umbruch

Unser erster Besuch führte uns in das „Europa-Institut“, dem Alexej Gromyko – der Neffe des ehemaligen Außenministers der Sowjetunion – vorsitzt. Wir nahmen an einem Round-Table-Gespräch teil, um unsere Haltung zur gegenwärtigen Krisenhaftigkeit und unser Verständnis von BRICS+ zu äußern. Bereits da wurde klar: Ein Teil der akademischen Welt schaut weiterhin so gebannt wie erschrocken auf Deutschland und die EU.

Man stellte die Frage, ob man sich mit einem solch aggressiven Kriegskurs nicht darüber im Klaren ist, dass derartige Aufrüstungsbemühungen unsinnig sind. Ein Atomkrieg würde wahrscheinlich nur wenige Minuten dauern – und diesen sahen alle Gesprächspartner ab einem bestimmten Punkt der Eskalation als unvermeidlich an.

Gleichzeitig sah man den transitorischen Charakter dieser tektonischen Neuordnung mit ihren kriegerischen Neigungen aus der Tiefe der russischen Historie. Dort ist das Motto „nichts bleibt wie es ist“ in allergrößter Kontroverse der historischen Abschnitte durchlebt worden, insofern gibt es bei allem momentanen Pessimismus durchaus auch Hoffnung auf eine Zeit nach der Konfrontationspolitik.

Gespräche, Dialogforen und Kontroversen

Auch im „Russian International Affairs Council“, beim Treffen mit Institutsleiter Ivan Timofeev trafen wir auf diese Haltung. Auch wenn es nirgends explizit formuliert wurde, schien bei allen Gesprächen – auch mit den Diplomaten – klar zu sein, dass die Russische Föderation Schwierigkeiten hat, aus dieser Lage herauszukommen, und dass wir in Europa dringend ein Russland einschließendes Zukunftsprojekt brauchen. Im Nachhinein warfen wir uns jeweils vor, dass wir die politische Planungsphase im Westen, die die heutige Lage bereits konstituiert hatte, nicht mit der nötigen politischen Genauigkeit und Schärfe verfolgt und analysiert haben. Diese Phase begann spätestens 2014, möglicherweise sogar bereits 2008 beim NATO-Gipfel in Bukarest.

Der russische Teil des Petersburger Dialog – an dem auch Kerstin Kaiser (ehemalige Büroleiterin der RLS in Moskau), Thomas Fassbender (Redakteur der Berliner Zeitung) und Alexander Rahr (Unternehmerberater mit vielfältigen Kontakten nach Russland) teilnahmenehmen, brachte Neues deutlich zum Ausdruck: den Eindruck, dass sich ein großer Teil der durchaus relevanten bis hin zu hochrangigen politischen Vertreter der außenpolitischen akademischen und politischen Eliten bereits von Europa abgewendet haben, während andere, wie das Europa-Institut darum ringen, weiterhin Anstrengung Richtung Europa zu unternehmen.

Die Konfrontationsperiode wird nur in einem längeren Prozess überwunden werden können. Wahrscheinlich werden wir, so die allgemeine Stimmung, über längere Zeit mit einer Periode der Abschreckung und kleinen Elementen der Entspannung leben müssen. Auch hierbei schien mehr Hoffnung und Glaube als reale Gewissheit durchzuschimmern. Die Enttäuschung über die deutsche Politik nach all den als Vorleistungen empfundenen Maßnahmen – Moskauer Vertrag, Entspannungspolitik, Wiedervereinigung und Abzug sowjetischer Truppen – sitzt bei unseren Gesprächspartnern tief.

Unübersehbar besorgt war die allseitige Reaktion auf das neue deutsche „Zeitenwende-Narrativ“, Russland hätte vor, einen NATO-Staat 2028 oder 2029 anzugreifen. Kurz gesagt: die deutsche Politik verursacht in Russland große Ängste und historische Erinnerungen, die sich wiederum in Gegenmaßnahmen ausdrücken. Russisches Fehlverhalten wird kaum gesehen, zumindest nicht öffentlich artikuliert. Es bleibt festzuhalten: Dieser Dialog war ausgesprochen fruchtbar und sinnvoll. Wer miteinander redet, findet auch Wege zu Lösungen – diesen Satz hätten sicher alle beim Petersburger Dialog unterschrieben.

Als Freunde in Feindesland

Am Ende dieser beeindruckenden Tage legten wir bei – auch in Moskau Ende April ungewöhnlichem – Schneefall einen Nelkenstrauß am Grabmal des unbekannten Soldaten ab. Was uns unter Tränen erneut ins Bewusstsein drang, waren die 27 Millionen Tote und ihre trauernden Familien, unendliches Leid und ein schwer errungener Sieg gegen die deutsche Schreckens- und Vernichtungsherrschaft.

Wir haben uns in diesem Augenblick für unsere Regierung, ja für unser Land geschämt. Uns hat es in unserer Gewissheit bestärkt: alle, die Frieden suchen, müssen das Gespinst der Russophobie als Pseudo-Ursache für die hochgefährliche Spirale der Kriegsvorbereitungen aus unserem Land vertreiben und eine positive Vision der europäischen Friedensarchitektur durchsetzen. Frieden in Europa gibt es nur mit Russland.

Link zu Video-Bericht siehe Online-Fassung